Herzlichen Dank an Bernhard Zilling für die Erlaubnis, seinen Text zu veröffentlichen!

Mail-Art

Ab Ende der 1940er Jahre versandte der New Yorker Künstler Ray Johnson an einige Künstler-kollegen selbst gestaltete Postkarten mit der an den Empfänger gerichteten Bitte, dem eigenen Beitrag einen weiteren hinzuzufügen und ihm dann entweder die Postkarten zurückzusenden oder sie an weitere Künstler in einem dadurch entstehenden Netz zu senden. Johnsons Absicht war, einen auf eine Einzelleistung begrenzten Kunstwerksbegriff zu überwinden und direkte künstlerische Kooperation zu fördern. Diese Aktivitäten sind auch unter dem Begriff „School of correspondance“ (Johnson gebrauchte diese abweichende Schreibweise) bekannt geworden.

Kunstgeschichtlich gesehen ist Johnson jedoch nicht der erste, der künstlerisch gestaltete Post-karten versandte. Dies hatten vor ihm bereits van Gogh, die DADAisten, Kurt Schwitters und Marcel Duchamp getan. Das Besondere an Johnsons Ansatz war der Aspekt der Kooperation, der Nutzung einer Postkarte als Anstoß, um auf der Grundlage der Vorgaben zu einer im Prinzip nie vollendeten Kunst zu gelangen. Diesen Aspekt haben die Fluxus-Künstler aufgegriffen, von denen zahlreiche (u.a. Beuys, Vautier, Vostell) eigene künstlerische Botschaften per Post ver-sandten. Aber im Gegensatz zu Johnson empfanden sie den Postweg nur als ein Medium ne-ben vielen anderen.

Von den 1960er Jahren entwickelte sich – vom Kunstbetrieb wenig geachtet oder sogar verach-tet – das, was heute unter „mail-art“ verstanden wird: ein für jeden offenes Netz, in dem auf dem Postweg (von Mail-Art-Künstlern seit den Anfängen des Internets und in Abgrenzung dazu gerne liebevoll auch „snail-mail“, Schneckenpost genannt) Kunstwerke an andere Mail-Art-Künstler oder zu Mail-Art-Ausstellungen gesandt werden. Zwar ist die Bedeutung dieses Netzes in den Zeiten schneller Emails zurück gegangen, aber viele Mail-Art-Künstler verweisen darauf, dass nur per Post Originale versandt werden können und so beim Empfänger ein direkter sinnlicher und visueller Eindruck entstehen kann und gerade der Aspekt, von einer bis dahin vielleicht un-bekannten Person ein Werk, eine Idee erhalten zu bekommen, motivierend ist, selbst wieder Werke zu versenden.

Insgesamt haben sich im Verlaufe der über 40 Jahre, die Mail-Art existiert, einige Grundregeln herausgebildet, die von den meisten Networkern akzeptiert und respektiert werden:

  1. Lädt ein Mail-Art-Künstler andere ein, ihm/ihr Beiträge zu einem Thema zuzusenden, und er plant, die eingesandten Arbeiten öffentlich zu zeigen, verzichtet er auf jegliche Juryrung. Das heißt, er/sie zeigt alle eingegangenen Arbeiten.
  2. Alle eingesandten Arbeiten sind Geschenke an den Adressaten, das heißt: verbleiben auch nach Ablauf einer Ausstellung/eines Kooperationsprojektes bei ihm,
  3. Als Ausgleich erhält der Absender vom Empfänger eine Dokumentation, die entweder nur die Adressen aller Beteiligten verzeichnet, und so ein Beitrag zu weiterer Kommunikation ist, oder ein Katalog der ausgestellten Arbeiten ist.

Mail-Art besteht jedoch nicht nur aus dem Versand und der Ausstellung von Arbeiten, auch wenn diese Form der Aktivität einer der häufigsten ist. Daneben gibt es:

  1. a) Künstlerbriefmarken: Der absendende Künstler klebt zusätzlich zu den von den Postun-ternehmen herausgegebenen und anerkannten Marken selbst gestaltete mit auf den Umschlag oder die Karte und untersucht dadurch, inwieweit die Postunternehmen eine Übertretung ihrer Richtlinien dulden,
  2. b) Versand von Objekten, die für eine Postversendung wenig geeignet sind, wie zum Beispiel Steine, kleine Holzfiguren, Einkaufstaschen, Objekte aus Textilien und ebenfalls von den Postunternehmen in unverpacktem Zustand zurückgewiesen werden dürfen. (Es hat sich jedoch inzwischen auf der Seite dieser Unternehmen die Erkenntnis durchgesetzt, dass diese eigene Beteiligung an der Kunstproduktion/-vermittlung eher von Vorteil ist. In eini-gen Ländern, Schweiz, Russland, Frankreich, Deutschland wird Mail-Art bereits in Post ei-genen Museen gesammelt und präsentiert.)
  3. c) Künstlerstempel: Auf die Karten und Briefumschläge werden Botschaften aufgestempelt. Handelt es sich um politische Botschaften und werden diese Karten dann an Empfänger in Diktaturen versandt oder versucht ein unter einem solchen Regime lebender Künstler, ei-ne solche Botschaft ins demokratische Ausland zu schicken, muss der Betreffende mit Überwachung und anderen Repressalien rechnen. Auf diesem Gebiet hat Mail-Art auch heute noch eine wichtige Funktion.
  4. d) Add-and-copy-Projekte: Ein Initiator eines solchen Projektes versendet im Sinne Johnsons eine fotokopierte Vorlage und lädt die Empfänger ein, diese Vorlage umzugestalten, ihm eine Kopie der veränderten Fassung zu senden und die veränderte Fassung in Kopie auch an weitere Adressen zu schicken.
  5. e) Visuelle Poesie: Hier wird mit Elementen der Typografie und Bildmaterial eine Collage aus Schrift- und Bildelementen hergestellt, die dann im Original oder in Kopie an zahlrei-che Empfänger versandt wird, das heißt: es ist keine ganz Mail-Art-eigene Ausdrucks-form, ist aber durch den Versand an viele Empfänger durchaus geeignet, den von John-son propagierten direkten Austausch von Künstlern zu fördern.
  6. f) Assembling magazines: Ein Mail-Art-Künstler lädt hier nicht zu einer Ausstellung, sondern zu einer Kooperation ein. Der Einsender muss eine bestimmte Anzahl ähnlicher Originale erschaffen, einsenden; diese werden dann mit den Mehrfacharbeiten zusammengestellt, eventuell gebunden oder in einer Schachtel zusammengefasst, und jeder Einsender er-hält dann solch eine gemischte Sammlung aller Beteiligten zurück, ein Exemplar verbleibt beim Ausschreiber.
  7. g) Mail-Art und Kunstbetrieb sind nicht so stark getrennt, dass es nicht zu Überschneidungen käme. Viele Mail-Art-Künstler sind nicht ausschließlich in diesem nichtkommerziellen Be-reich der Kunstproduktion und Kunstvermittlung tätig. So sind auch Konzeptkunst-Ansätze in Mail-Art eingeflossen. Von einigen Mail-Art-Künstlern wurden zum Beispiel Kunstfiguren geschaffen und in der Kommunikation mit anderen Mail-Art-Networkers versucht, dieser Person ein Leben zu geben, ihr eine eigene Geschichte zu schreiben. Oder andere haben nur in der gemeinsamen Vorstellung der Beteiligten existierende Künstlerinseln oder Künstlerrepubliken geschaffen, über denen Zustand und mögliche Entwicklung in der ge-genseitigen Kommunikation spekuliert wurde.

Diese aufgeführten spezifischen Ausformungen dürfen jedoch nicht als vollständig angesehen werden. Nicht alle Aktivitäten, die sich in diesem Netz entwickelt haben, gelangen jedem Inte-ressierten zur Kenntnis. Das ist ein Wesenszug dieser Art von Kommunikation. Kunstkritiker haben Mail-Art vorgeworfen, keine eigenständige Kunstform zu sein. Sie behaupteten, Mail-Art nutze bereits vorhandene künstlerische Techniken wie Kalligrafie und Collage oder anerkannte Kunststile wie Pop-Art und Postmoderne, um diese in schlechterer Qualität als auf dem Kunst-markt zu zitieren. Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es ist durchaus richtig, dass Mail-Art in den mehr als 40 Jahren ihrer Existenz wenig wirklich Originäres zustande gebracht hat. Aber dies war vom Ansatz her wohl auch nie gedacht. Es ging und geht um den Austausch von Ideen und Informationen in einem Bereich abseits des Kunstmarktes und der üblichen Kunst-vermittlungsinstitutionen. Mail-Art ist in diesem Sinne eine Kunst für Künstler. Ein Mittel, die oft vorhandene Isolierung vieler Kreativer zu durchbrechen und in einer der eigenen Arbeit entspre-chenden visuellen Sprache miteinander zu reden, ohne dazu Worte zu gebrauchen.

Etwas anderes ist an Mail-Art viel mehr zu kritisieren: Seit Jahrzehnten wird die Vorstellung von „global mail“ beschworen, auf ein weltweites Netz künstlerisch Aktiver hingewiesen. Das ist ein Mythos ohne Substanz. Wer genau hinsieht, wird erkennen, Mail-Art wird nur in relativ vermö-genden Industrienationen gepflegt. Beinahe ganz Afrika und große Teile Asiens (mit Ausnahme Japans) haben bisher Mail-Art ignoriert. Aus gutem Grund: wer Existenzsorgen hat, wird kaum verstehen, wie Menschen einfach den Ertrag ihrer Arbeit verschenken können. In anderen Tei-len der Welt verbieten religiöse Gesetze die Bildproduktion. Oder es fehlt die Tradition einer in-dividuellen künstlerischen Kunsterschaffung. Auch innerhalb der verbleibenden Länder (USA, Kanada, Niederlande, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Brasilien, Argentinien, Deutschland, um die wichtigsten zu nennen) gibt es Unterschiede: in den USA gibt es eine große Vorliebe für die Versendung von Kopien an möglichst viele Beteiligten; in Südamerika und in den romani-schen Ländern Europas eine Neigung, Originale zu senden, mit dem unausgesprochenen Wunsch, eine Gegengabe zu erhalten. Es ist also nicht so, dass es in Mail-Art nur eine Welt, eine globale, gibt, sondern bei genauerer Betrachtung werden auch hier die Unterschiede sicht-bar. Ob Mail-Art eine Zukunft hat, ist eher ungewiss. Die Zahl der Projekte – so scheint mir – nimmt ab, viele der „Alten“ sind nicht mehr in Dokumentationen präsent, aber immer wieder scheint es die Möglichkeit einer überregionalen künstlerischen Kommunikation Menschen anzu-sprechen, die diese Begrenzung für sich überwinden wollen, in letzter Zeit sind die so genann-ten neuen EU-Länder als Mail-Art-Interessensgebiet dazu gekommen. Und im Prinzip ist es ein Zeichen von Offenheit eines Systems, wenn man es als künstlerisches Durchreisegebiet an-sieht, das eigene Ideen in Kommunikation mit anderen Visuell-Arbeitenden prüft und durch Re-aktionen oder andere Einflüsse verändert.

Bernhard Zilling

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Bernhard Zwilling: Krieg ist Wahnsinn, Postkarte