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Alles verändert sich, aber dahinter ruht …

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Tomate, getrocknet 2011 bis 2015. 3,1 x 2 cm, 2015 Foto: Edwin Semke

Edwin Semke, 56 Jahre: „Die Frucht war ein Herbstgeschenk. Die Lust, den gustatorischen Genuss zu teilen, mag der Anstoß gewesen sein, sie mir zu schicken.

Die Tomate kam mit der Post: makellos, reif, wächsern glänzend und klein. Ich glaube, diese Sorte heißt Cocktailtomaten.

Ich bin kein Gourmet, am Geschmack interessiert mich ausschließlich der Geruch. Außerdem das Aussehen. Ich habe die Tomate liegen lassen und beobachtete die Verwandlung. Nach einigen Monaten wurde daraus Dörrgemüse, die Farbe wechselte von Dunkelrot ins Violett, wie eine Dörrpflaume. In Hundert Jahre Einsamkeit schrumpft eine Großmutter auf die Größe einer Dörrpflaume – doch zu diesem Zeitpunkt kannte ich den Roman von Gabriel García Márquez noch nicht.

Die echte Metamorphose ergab sich aber erst nach etwa einem Jahr: Sie verwandelte sich in eine labyrinthische Gestalt, so zerklüftet, wie nur die Natur sein kann, so schön, wie manche Kunst.

Ich bin ein visueller Genießer, Bilder sagen mir mehr als Töne, Geschmacksnoten oder haptische Eindrücke. Ich finde die Tomate jetzt richtig schön und habe es nicht bereut, sie nicht einem sekundenschnellen Genuss geopfert zu haben. Kann man Geschenke aufbewahren und das gleiche Gefühl immer wieder abrufen wie im Augenblick des Beschenktwerdens? Ich glaube nicht. Erstens verändern wir uns selbst, zweitens wandelt sich auch das Geschenk. Alles verändert sich. Meine Tomate, die jetzt bald vier Jahre alt ist, beweist es aufs Schönste.“

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  1. […] Meine persönliche Lieblings-Liebeserklärung ist übrigens die an die Tomate, die ihr hier […]

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