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Knicklicht

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Das Licht

Cristin, 20 J.:

Das Licht

Es war der 4. September, als ich unüblicherweise einen öffentlichen Facebook-Post kommentierte. Er gab meinem Kommentar einen Daumen nach oben, also sah ich mir sein Profil an. Er war hübsch, nichts Besonderes, trug einen Bart, der mich störte, hatte dunkles Haar, war groß und breit. Das komplette Gegenteil von meinem idealisierten Traummann. Bloß der Name … sein Name packte mich gleich. Ich hauchte ihn in mein Handydisplay und wiederholte ihn unzählige Male. …

Dennoch, optisch gefiel er mir eben nicht. Also wollte ich das Profil verlassen, als ich ihm versehentlich eine Freundschaftsanfrage sendete. Ich überlegte kurz, ob ich es rückgängig machen sollte, doch ich entschied mich dagegen. Sag niemals nie.

Kurz darauf folgte die erste Nachricht, 10 Minuten später hatten wir unsere Nummern ausgetauscht. Es passte alles und es passte gar nichts. Er war charmant, süß, lieb und gleichzeitig für meinen Geschmack zu dramatisch, zu anhänglich, zu draufgängerisch. Es dauerte dennoch nicht lange, bis er jeden Morgen zu meinem ersten Gedanken wurde und jeden Abend zu meinem letzten. Seine Stimme war unglaublich intensiv. Ab der allerersten Sprachnachricht auf Whatsapp wusste ich, dass ich diese Stimme bis an mein Lebensende lieben würde. Sie war tief, kontrolliert, unglaublich vertrauensvoll.

Jedes seiner Worte berieselte mich wie glitzernder Feenstaub, kroch unter meine Haut und verursachte eine angenehme, wunderbare Gänsehaut.

Dennoch, obwohl wir uns noch gar nicht kannten, nie gesehen hatten, stritten wir viel, waren nie einer Meinung und trotzdem hörte er nie auf zu schreiben. Und auch ich hörte nie auf zu schreiben. Ich wollte ihn. Und ich wollte ihn nicht.

Ich traf ihn das erste Mal auf dem Lichterfest. Jeder trug dort Knicklichter als Armband. Ich hatte keins, also gab er mir seins. Er gefiel mir nicht. Und ich gefiel ihm nicht. Wir trafen uns trotzdem weiter. Es war immer seltsam. Wir waren uns unglaublich nahe und doch meilenweit voneinander entfernt. Einmal saßen wir abends in der Stadt auf einer Mauer, als ein Obdachloser vorbei schlenderte, uns ansah und melancholisch sagte: „Ach muss Liebe schön sein.“ Er sagte das, obwohl wir bloß nebeneinander saßen, kaum miteinander sprachen und uns auch nicht berührten. Es war etwas Magisches zwischen uns. Es bedurfte keiner Worte, wir sprachen mit den Augen. Und in seinen sah ich immerzu Unaufrichtigkeit.

Ich liebte alles an ihm und gleichzeitig hasste ich so Vieles!

Niemals zuvor hatte ich solch unglaubliche Augen gesehen. Sie waren von einem leuchtenden Jadegrün, das jeden Smaragd hätte alt aussehen lassen. In ihnen leuchtete das Leben, leuchtete die Sonne. Aber der Ausdruck, der war stets traurig. Niemals zuvor hatte ich ein solches Lächeln gesehen. Es ließ meine Knie weich werden. Neben ihm fühlte ich mich ganz klein und schwach. Und trotzdem, all dies konnte ich ihm nie sagen. Ich wusste, er würde mir weh tun, ich konnte mich ihm nicht hingeben, weil irgendwas falsch war, obwohl es so wunderbar war. Ich wollte ihn nahe bei mir, aber mit großem Sicherheitsabstand.

Und irgendwann küssten wir uns. Es war magisch, explosiv, wundervoll. Nie wieder wollte ich diese weichen, vollen Lippen missen. Nie wieder ohne seine Küsse leben. Unser erster Kuss … das erste Mal, dass ich in seinen grünen Augen aufrichtige Freude aufblitzen sah. Er schlug die Hände vors Gesicht, wie ein kleines Kind, das sich über alle Maßen über ein Geschenk freut.

Und trotzdem. Alles ging schief. Und niemals konnte ich ihm all die Dinge sagen, die ich fühlte, weil ich zu große Angst hatte, den Sicherheitsabstand zu verringern. Zu große Furcht davor, Schwäche zu zeigen und mich verletzbar zu machen. Alles ging schief und er wird niemals erfahren, wie sehr ich ihn liebte. Wie sehr ich ihn noch immer liebe und wie sehr ich litt und immer noch leide. Immerzu frage ich mich „war dies Liebe?“ Immerzu frage ich mich: „Hat auch er so empfunden?“ Ich habe eine Million Fragen, doch nur auf diese eine, habe ich eine Antwort: „War es den Schmerz wert?“ Ja, denn ich weiß nun, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt: herzzerreißend, schwach, erschöpft, kalt, wütend, dramatisch, verwirrend, unerträglich und gleichzeitig wundervoll, magisch, fesselnd, warm, explosiv, behaglich, schützend, und liebevoll.

Ich kann aber nichts dagegen tun – gegen diesen beinahe unerträglichen Schmerz, der sich mit der monotonen Gleichgültigkeit abwechselt. Ich kann nichts weiter tun als hier zu liegen, Johnny Cash’s „Hurt“ zu hören, dessen Stimme mich an seine erinnert, während er singt „I hurt myself today, to see if i still feel. I focus on the pain, the only thing that’s real.“, leise seinen Namen vor mich her zu murmeln und auf das Knicklicht zu starren, das längst all seine Leuchtkraft verloren hat.

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